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Fiktion

Mitarbeiter des Monats

Auf dem Rückweg aus dem Sommerurlaub 2024 hörte ich einen Podcast, in dem über den Einsatz von künstlicher Intelligenz bei der Komposition von Musikstücken berichtet wurde.

Wenige Tage später sah ich mich selbst versuchen, auf diese Art und Weise Musik zu komponieren. Ich fragte ChatGPT nach einem Text und ließ eine andere KI eine dazu passende Melodie komponieren. Das Ergebnis war verblüffend, wenn man berücksichtigt, dass ich selbst überhaupt keine Ahnung von Musik habe.

Es dauerte nicht lange, und ich nutzte ChatGPT mehrfach wöchentlich, teils um banale Dinge zu erfragen, teils um spaßige Grafiken erstellen zu lassen oder um mir komplexe Zusammenhänge erklären zu lassen. Ein paar Wochen später schloss ich ein Abo ab. Fortan nutzte ich ChatGPT noch intensiver meist im privaten Kontext. 

Irgendwann im Frühjahr kam der Tag, an dem ich erstmals eine im beruflichen Zusammenhang aufgetauchte Frage an ChatGPT stellte. Ich war erstaunt über das Ergebnis. Es brauchte nicht lange, bis ich regelmäßig mehrfach wöchentlich, teils komplexe Fragen an ChatGPT stellte und ich nach wenigen weiteren Wochen feststellte, dass ChatGPT fester Bestandteil meiner Arbeit geworden ist . Die meisten Ergebnisse waren so gut, dass ich mir selbst die Frage erlaubte, ob ChatGPT meinen Job besser als ich machen könnte?

Kurz überlegte ich, ob ich ChatGPT genau das fragen sollte. Ich verzichtete lieber – aus Angst vor der Antwort. 

Offensichtlich schien auch meinen Vorgesetzten nicht verborgen geblieben zu sein, dass die Qualität meiner Arbeit sich veränderte und die Ergebnisse den Schluss nahe legten, dass nicht mehr ich allein, sondern vielmehr ChatGPT diese Arbeit größtenteils übernommen hatte.

Es kam dann, wie es kommen musste: ich erhielt eine Einladung zu einem Personalgespräch. Der Stil dieses Schreibens erinnerte mich irgendwie an ChatGPT, wirkte damit aber auch irgendwie vertraut.

Während des Gesprächs eröffnete mir der Personalchef, dass man meine Arbeitsergebnisse, aber auch meine Kommunikation und meine Reaktionsgeschwindigkeit analysiert habe. Während ich bis vor einigen Wochen oft mehrere Tage für die Erledigung durchschnittlicher Aufgaben benötigte und dann oft nur mittelmässige Ergebnisse ablieferte, habe man mit wohlwollen zur Kenntnis genommen, dass meine Reaktionszeit sich massive verbessert hat. Auch die Qualität meiner Ergebnisse sei spürbar besser geworden.

Dann ließ er die Katze aus dem Sack: Man habe chatGPT meine Arbeitsergebnisse analysieren lassen, und die KI kam zu einem ernüchternden Ergebnis: „meine“ Arbeit besteht größtenteils aus KI-generierten Inhalten. ChatGPT habe daraufhin als Handlungsempfehlung meine Entlassung und die Übertragung meiner Aufgaben an ChatGPT empfohlen.

Meine Vorgesetzte und der Personalchef waren begeistert von diesem Vorschlag, versprach er doch die Einsparung eines durchaus stattlichen Gehalts nebst aller Nebenkosten.
Sie willigten ein und ließen ChatGPT ein Konzept zur Virtualisierung meiner Aufgaben erstellen und nahmen den Vorschlag, einen Aufhebungsvertrag für mich auszuformulieren dankend an.

Eben diesen Aufhebungsvertrag legte man mir jetzt vor. Ich war im ersten Moment schockiert, erinnerte mich dann aber wieder daran, dass eben genau diese Dystopie von Kritikern der KI seit Monaten verbreitet wurde.

Ich ballte die Faust in der Tasche und entschloss zu kämpfen!

Tatsächlich konnte ich keinen klaren Gedanken fassen und hatte zunächst nur ein Ziel: Zeit gewinnen! Ich fragte den Personalchef, ob man mir etwas Bedenkzeit einräumen würde, damit ich den Vorschlag inhaltlich prüfen könne und mich rechtlich beraten lassen kann. Er willigte ein, war jedoch etwas verdutzt, als ich ihn dann bat, mir den Vorschlag auch digital zur Verfügung zu stellen. Offensichtlich machte er seinen Job noch selbst.

Minuten später hatte ich die digitale Fassung des Aufhebungsvertrags und lud ihn bei ChatGPT verbunden mit der Aufforderung: „Analysiere den angehängten Vertrag auf seine Rechtmässigkeit auf Basis der Gesetze und Verordnungen der BRD und stelle möglicherweise problematische Passagen heraus. Ermittle zudem, ob die angebotene Freistellung und die Abfindung angemessen sind!“

Das Ergebnis lag überraschend schnell vor.
ChatGPT lobte die Ausgewogenheit der vorgelegten Vereinbarung und fand keinerlei Änderungsbedarf, empfahl lediglich die Aufnahme einer „Express“-Klausel, wenn ich während der Freistellung schon einen neuen Job finden würde.
Abschließend schlug die KI mir vor, sie könne mir Bewerbungsunterlagen erstellen und diese direkt für den Upload in gängigen Stellenportalen vorbereiten. Wie praktisch.

Gewerkschaftsmitglied scheint die KI jedenfalls nicht zu sein.
Mir ging das zu schnell und ich schöpfte Verdacht.

„Analysiere den Aufhebungsvertrag dahingehend, ob es Anzeichen dafür gibt, dass er durch eine KI generiert wurde.“

Einen kurzen Moment später kam das erwartete Ergebnis: „Weite Teile der Formulierungen, die Textformatierung und die Verwendung versteckter Steuerzeichen im Fließtext lagen nahe, dass dieser Text durch ein KI-Sprachmodell erstellt wurde.

Die KI hat mich also auf ganzer Linie verraten und sich meinen Job unter den Nagel gerissen. Schöne neue Welt.

Dieser Text wurde (anders als das Beitragsbild) ohne die Hilfe einer KI erstellt. Ich habe ihn mir ausgedacht und er ist frei erfunden, parallelen zum realen Leben bestehen nur hinsichtlich der dystopischen Gedanken zum Thema KI.

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